Pädagogischer Hintergrund


Pädagogische Überlegungen zum Theaterspielen in der Fremdsprache (1)

Theater (von griech.: τό θέατρον théatron „Schaustätte, Theater“; von θεάομαι theaomai „anschauen“) ist ein szenisches Spiel einer inneren und äußeren Handlung, in der eine Kommunikation zwischen Darstellern und Publikum stattfindet (Brockhaus).

In dieser und ähnlichen Definitionen scheint mir der Begriff „Spiel“ und die Interaktion zwischen Darstellern und Zuschauern wesentlich zu sein. Im Folgenden möchte ich kurz die daraus resultierenden Schlussfolgerungen für das Lernen und die Leitung der AG aufzeigen.

Theaterspielen ist eine besondere Form des Lernens: Beim Darbieten bilden Körper und Geist eine Einheit. Es ist ein höchst lebendiges Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Bei den unterschiedlichen Übungen zur Schulung von Imagination, Ausdruck, Mimik, Konzentration und Gestik werden Körper, Geist und Seele ganzheitlich angesprochen. Dieser ganzheitliche Ansatz macht das Lernen wertvoll und lebendig. Der Prozess des Lernens trägt sich sozusagen selbst. Nicht zu Unrecht gehört diese besonders wertvolle Lernform in vielen Bundesländern zu den regulären Unterrichtsfächern. Auch in einigen Unternehmen gehört das Theaterspiel zum Ausbildungsprogramm der Auszubildenden.

Beim Theaterspielen in der Fremdsprache werden all diese positiven Eigenschaften mitgenommen. Die Spieler erfahren die Fremdsprache wesentlich intensiver, als im „normalen“ Englischunterricht, erleben reale Situationen und benutzen neben Mimik und Gestik die Fremdsprache als Mittel zur Kommunikation. Gestik, Intonation und Mimik er- leichtern dabei die Verständigung und erhöhen gleichzeitig die Motivation, die Fremdsprache einzusetzen. Durch die Ganzheitlichkeit des Ablaufs wird der sonst häufig als mühsam erachtete Lernprozess als spielerisch und leicht empfunden und der Behaltenseffekt signifikant erhöht. Dies konnte ich im Laufe der letzten Jahre immer öfter beobachten und es wurde mir auch von den Schülern bestätigt. Die sprachlichen Vorteile gegenüber Mitschülern, die nicht in der AG waren, konnten von den Schülern selbst beobachtet und erkannt werden.

Neben diesen unzweifelhaft positiven Effekten werden beim Theaterspielen aber auch noch - unter anderem - Kreativität und Einfühlungsvermögen geschult und verstärkt. Dabei profitiert das Theaterspiel von der natürlichen Neigung der Kinder, gerne in Rollen zu schlüpfen. Dies ermöglicht den Jugendlichen, sich in andere hineinzuversetzen, sich eventuell gegensätzliche Positionen und Lebenswelten zu eröffnen und somit Verständnis und Toleranz zu entwickeln. Gleichzeitig fördert das Theaterspielen auch die sozialen Kompetenzen der einzelnen Gruppenmitglieder. Sehr viele komplexe Vorgänge entstehen in der Gruppe, innerhalb und außerhalb der Rollen, die von den Mitspielern bewältigt werden müssen. Dadurch, dass die Spieler immer wieder in Gruppen denken, handeln und erleben, verfügen sie mit der Zeit über Verhaltensweisen, die sich positiv auf ihre Entscheidungen in anderen Gruppen auswirken. Die Teilnehmer lernen mit Kritik positiv umzugehen, unterschiedlichste Arten der Kommunikation anzuwenden, Gefühle zu zeigen und trotz evtl. auftretender Schwierigkeiten, das gemeinsame Ziel niemals aus den Augen zu verlieren, da ja sonst der Auftritt gefährdet wäre.

Wichtig zum Erreichen all dieser Ziele ist das Vertrauen, das die Grundlage für jegliches Theaterspielen bildet. Die speziellen Methoden der AG zielen so vor allem am Anfang darauf ab, Berührungsängste abzubauen und Vertrauen aufzubauen. Wir beginnen meistens im Kreis, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken, die Mitglieder der Gruppe als gleichberechtigt zu etablieren und Blickkontakte zu ermöglichen. Die Mitte des Kreises bildet manch-mal unsere erste Bühne. Vom Kreis aus begeben wir uns in Partnerarbeit, weiter in Dreier - Teams; und der letzte Schritt ist dann die Bildung von größeren Gruppen. Die einzelnen Teilnehmer fühlen sich zunehmend mit all ihren Stärken und Schwächen akzeptiert und beginnen, Hemmungen abzubauen. Durch kleinere Spielaufträge lernen sie zu improvisieren, bauen gegenseitiges Vertrauen auf und beginnen ihre gegenseitigen Stärken zu erkennen. Das Selbstbewusstsein des Einzelnen und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe wachsen, wobei es sich hier um sehr langsame Prozesse handelt, die letztendlich durch die Aufführungen katalysiert werden.

Besondere Merkmale der Theater - AG an der RSDS (2)

Die Ziele dieser AG wurden im vorangegangenen Kapitel schon erläutert, wobei innerhalb dieser Ziele der Schwerpunkt eindeutig auf der Verbesserung der Sprachkompetenz der AG - Teilnehmer und auf der Entwicklung gruppendynamischer Prozesse liegt. Dieser Schwerpunkt ergibt sich meines Erachtens zwangsläufig aus den Vorgaben für die AG (Siehe auch Anforderungsprofil FöbbS).

Auch die Rückmeldungen aller Besucher, die den Teilnehmern jedes Jahr eine „schier unglaubliche“ Sprachkompetenz zuschreiben, bestätigen dass die Ziele erreicht worden sind. Diese Rückmeldungen sind fast identisch von Mitgliedern der Schulverwaltung, Kollegen oder Eltern gegeben worden. Ehrlicherweise muss man hinzufügen, dass diese „unglaubliche Sprachkompetenz“ auch daher rührt, dass auswendig wiedergegebener Text die sprachliche Genauigkeit erhöht und den Schülern auch ein gewisses Maß an Sicherheit vermittelt.

Ein weiteres wichtiges Merkmal der englischen Theater AG ist die Verankerung in das Schulcurriculum der RSDS, das jedem Schüler den Besuch einer Theatervorstellung in der Fremdsprache ermöglichen soll. Bestand diese Aufführung in früheren Jahren meist im Besuch eines kleinen Ensembles von „native speakers“, die eine für die Zuschauer unbekannte Vorstellung gaben, erfüllt mittlerweile die englische Theater AG diese Funktion. Die Vorteile, das Stück zu kennen und es bereits als Lektüre im Unterricht zu behandeln zu können, überwiegen die minimalen sprachlichen Defizite, die die meisten Schüler als non native speakers mitbringen. In den vergangenen Jahren wirkten aber auch immer wieder Schüler, die in der englischen Muttersprache erzogen wurden, in der Theater AG mit. Sie trugen dazu bei, diese Defizite möglichst gering zu halten.

In manchen Jahren wurden die Aufführungen des Stücks auch in den deutsch – amerikanischen Austausch mit der Fairview Schule in Cincinnati eingebunden, der seit 30 Jahren der Höhepunkt des Schuljahres an unserer Schule ist. Dadurch wurde die Bedeutung der AG noch weiter hervorgehoben, die AG noch besser in das Schulleben integriert und den Schülern eine zusätzliche bedeutsame Plattform geboten, ihr Können unter Beweis zu stellen. Der Besuch des Oberbürgermeisters Thorsten Frei in den vergangenen Jahren trug natürlich ebenfalls dazu bei, die AG aufzuwerten. Auch andere hochrangige Mitglieder der Stadtverwaltung beehrten uns durch ihren Besuch und zollten uns großen Respekt und Anerkennung. Für diese Unterstützung sind wir sehr dankbar, da wir an unserer Schule leider keine Aula besitzen und wir daher immer wieder auf andere Räumlichkeiten ausweichen müssen. (Siehe auch Erfahrungsbericht auf der Homepage der Realschule www.rs-ds.de)

Abschließend denke ich, dass die englische Theater AG ein wichtiges Zusatzangebot ist, das den Teilnehmern einen nicht zu unterschätzenden weiteren Zugang zur Fremdsprache liefert. Die bemerkenswerten Fortschritte der Teilnehmer sind im „normalen“ Unterricht nur schwer zu erreichen. Die Teilnehmer rekrutieren sich auch immer wieder aus Zuschauern des voran-gegangenen Jahres, die intuitiv spüren, dass sich nicht nur die Sprachkompetenz, sondern auch die ganze Persönlichkeit der Teilnehmer weiterentwickelt und sich die Mühen in der Vorbereitungszeit offensichtlich lohnen.

Von abgehenden 10. Klässlern, die die AG in den vorangegangenen Jahren teilweise mehr- fach besucht hatten, bekomme ich jedes Jahr aufs Neue attestiert, dass die Teilnahme an der AG ihnen insbesondere bei der Eurokom - Prüfung, aber auch bei der Abschlussprüfung behilflich gewesen ist. Ehemals durchschnittliche Englisch - Schüler konnten ihre Motivation für das Fach steigern, Hemmungen ablegen, sich in der Fremdsprache artikulieren und auch Fehler bei grammatikalischen Strukturen wesentlich verringern.

Dies lässt sich auch in den Erfahrungsberichten der vergangenen Jahre nachlesen, so dass ich denke, dass sich die AG dadurch von selbst legitimiert und einen wertvollen Beitrag zur Vermittlung von Sprachkompetenz leistet. Wenn dazu noch Teamfähigkeit, Präsentationsfähigkeit und Durchhaltevermögen, um nur einige aufzuzählen, mit geschult werden, werden viele Ziele des Lehrplans still und heimlich mit erreicht.

Gedanken zum Thema spielen (3)

Die folgenden Gedanken zum Thema Spielen sind meines Erachtens Prämissen für die erfolgreiche Durchführung einer Theater AG; insbesondere, wenn sie in der Fremdsprache stattfindet. Die zusätzlich auftretenden Schwierigkeiten einer Aufführung in der Fremdspra-che lassen sich dadurch minimieren, dass alle Hemmnisse für ein spielerisches Miteinander nach Möglichkeit eliminiert werden. Die Erfolge unserer Auftritte (siehe auch Pressecho) lassen sich auch auf die Beachtung der unten aufgeführten Grundsätze zurückführen.

Spielen ist nur mittelbar gesteuert und ergibt sich aus dem Zusammenhang. Es geschieht um seiner selbst, nicht um bestimmter, von außen gesetzter Zwecke und Belohnungen willen.

Spielen ist auf Freiwilligkeit angewiesen. Bestimmte Situationen können zwar Spielen herausfordern, letztendlich liegt es aber immer in der Entscheidung des einzelnen Menschen selber, ob er spielen möchte oder nicht.

Spielen ist immer handelnde Herausforderung mit der Umwelt. Im Unterschied zu rein wahr-nehmenden oder nur kognitiven Verhaltensweisen führt Spiel und Spielen zu Tätigkeiten und Handlungen. Spielen vermittelt somit aktive und konkrete Erfahrungen mit der Umwelt.

Spielen erfordert eine entspannte Atmosphäre, in der Ideen produziert werden können, die die Teil-nehmer nicht zu sehr psychisch beanspruchen und die nicht unmittelbar kritisiert werden.

Alle Mitwirkenden müssen Spaß und Vergnügen beim Spielen haben. Das Spiel fesselt die Aufmerksamkeit aller Beteiligten.

Gefühle und Bedürfnisse aller Akteure werden eingebracht und Konflikte und Probleme aller können zum Ausdruck gebracht werden. Durch das Spiel werden Verhaltensmuster expressiv dargestellt.

Spielen fördert die Sprachkompetenz. Spielregeln werden besprochen und Strategien werden geplant. Die Mitspieler müssen auf Argumente eingehen und eigene Ideen verständlich formulieren. Eigene Vorschläge und Handlungen müssen begründet werden.

Siehe auch: Wolfram Schlabach, Souffleurkasten, Spielkiste, 1975)